Lyocell fühlt sich auf der Haut an wie Seide, stammt aber aus Holz – und entsteht in einem Verfahren, das als eines der saubersten der gesamten Textilindustrie gilt. Doch wie genau wird aus einem Baum eine seidig-weiche Faser?
In diesem Artikel gehen wir den Weg Schritt für Schritt durch: vom Rohstoff über das entscheidende Lösungsmittel bis zum geschlossenen Kreislauf, der Lyocell so besonders macht. Wenn du dich zuerst allgemein fragst, was Lyocell eigentlich ist, findest du dort die Grundlagen – hier geht es um die Herstellung.

Die kurze Antwort: fünf Schritte vom Baum zur Bettwäsche
Bevor wir ins Detail gehen, hier der gesamte Prozess im Überblick:
- Vom Holz zum Zellstoff – Holz wird zerkleinert und zu Zellstoff verarbeitet, ähnlich wie in der Papierherstellung.
- Auflösen in NMMO – Der Zellstoff wird in einem ungiftigen organischen Lösungsmittel (N-Methylmorpholin-N-oxid) aufgelöst.
- Spinnen der Faser – Die zähflüssige Cellulose-Lösung wird durch feinste Spinndüsen gepresst und in einem Wasserbad zu Fasern ausgehärtet.
- Waschen und Trocknen – Die frischen Fasern werden gereinigt, getrocknet und veredelt.
- Closed-Loop-Rückgewinnung – Das Lösungsmittel wird zu über 99,8 % zurückgewonnen und erneut eingesetzt.
Diese fünf Schritte klingen simpel, doch in jedem steckt der Grund, warum Lyocell heute als Zukunftsfaser gilt. Schauen wir genauer hin.
Schritt 1: Vom Holz zum Zellstoff
Am Anfang steht ein nachwachsender Rohstoff: Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. Bei hochwertigem TENCEL™ Lyocell stammt der Großteil aus europäischer Forstwirtschaft – vor allem Buche und Fichte aus Österreich und der EU –, ergänzt durch Eukalyptus aus Plantagen auf Böden, die für den Nahrungsmittelanbau ungeeignet sind.
Über 99 % dieses Holzes stammen aus zertifizierter Forstwirtschaft nach den Standards FSC® und PEFC™. Häufig handelt es sich um Durchforstungsholz, das bei der regulären Waldpflege ohnehin anfällt. Das Holz wird zerkleinert und in einem Aufschlussverfahren zu reinem Zellstoff verarbeitet – dem Ausgangsmaterial für die Faser.
(Quelle: Lenzing AG, Sustainability Report 2023)
Schritt 2: Auflösen in NMMO – das Herzstück des Verfahrens
Jetzt kommt der Schritt, der Lyocell von anderen Zellulosefasern unterscheidet. Der Zellstoff wird in einem Lösungsmittel namens N-Methylmorpholin-N-oxid – kurz NMMO – aufgelöst.
NMMO ist ein organisches Aminoxid, das ungiftig und biologisch abbaubar ist. Es löst die Cellulose auf rein physikalische Weise, ohne sie chemisch zu verändern. Fachleute sprechen deshalb von einem „direkten“ oder „nicht-derivatisierenden“ Löseverfahren.
Das ist der entscheidende Unterschied zur klassischen Viskose: Dort wird die Cellulose mithilfe von aggressivem Schwefelkohlenstoff chemisch umgewandelt. Bei Lyocell entfällt dieser Schritt komplett – und mit ihm die gefährlichen Schwefelverbindungen. Am Ende dieses Schritts liegt eine klare, honigartig zähe Spinnmasse vor.
Schritt 3: Das Spinnen – wo aus Lösung eine Faser wird
Die zähflüssige Cellulose-Lösung wird nun gefiltert und unter Druck durch feinste Spinndüsen gepresst. Dabei kommt ein spezielles Verfahren zum Einsatz: das sogenannte Trocken-Nass-Spinnen mit Luftspalt (im Fachjargon „dry-jet wet spinning“).
Die feinen Cellulose-Fäden treten aus den Düsen aus, durchlaufen eine kurze Luftstrecke – den Luftspalt – und tauchen dann in ein Wasserbad ein. In diesem Bad fällt die Cellulose aus und härtet zu einer festen, endlosen Faser aus. Genau diese Luftspalt-Technik war historisch der Durchbruch, der die Lyocell-Produktion im großen Maßstab überhaupt möglich machte, weil sie eine besonders gleichmäßige, feine Faser erzeugt.
(Quelle: Lenzing AG, 2024)
Schritt 4: Waschen, Trocknen und Veredeln
Die frisch gesponnenen Fasern enthalten noch Reste des Lösungsmittels. Sie werden daher gründlich mit Wasser gewaschen, anschließend getrocknet und für die weitere Verarbeitung vorbereitet.
Das ausgewaschene NMMO wird dabei nicht entsorgt – es wandert in die Rückgewinnung, und damit zum eigentlichen Kern des Verfahrens.
Schritt 5: Das Closed-Loop-Verfahren – der ökologische Kern
Hier liegt der Grund, warum Lyocell als eine der nachhaltigsten Textilfasern überhaupt gilt. Das Lösungsmittel wird in einem geschlossenen Kreislauf – dem Closed-Loop-Verfahren – aufgefangen, gereinigt und wieder in den Prozess zurückgeführt.
Bei hochwertiger Produktion werden so über 99,8 % des NMMO zurückgewonnen. Es verlässt den Kreislauf praktisch nicht, sondern wird immer wieder eingesetzt. Abwasser und Emissionen werden dadurch auf ein Minimum reduziert.
Genau dieses geschlossene Verfahren wurde von der Europäischen Union mit dem „European Award for the Environment“ ausgezeichnet – eine Anerkennung, die kaum eine andere Textilfaser vorweisen kann.
(Quelle: Lenzing AG, 2024; Europäische Kommission)
Warum das anders ist als Viskose
Lyocell und Viskose werden oft in einen Topf geworfen, weil beide aus Holzcellulose entstehen. Der Unterschied liegt im Verfahren – und der ist erheblich.
Die Viskose-Herstellung ist ein mehrstufiger chemischer Prozess, bei dem unter anderem Schwefelkohlenstoff zum Einsatz kommt, eine gesundheits- und umweltschädliche Substanz. Die eingesetzten Chemikalien werden oft nur teilweise zurückgewonnen.
Lyocell dagegen nutzt ein einziges, ungiftiges Lösungsmittel in einem nahezu vollständig geschlossenen Kreislauf. Weniger Chemie, weniger Abwasser, weniger Emissionen – bei einer Faser, die sich am Ende sogar hochwertiger anfühlt.
Eine kurze Geschichte der Faser
Dass Lyocell heute Realität ist, verdanken wir jahrzehntelanger Forschung. Die Grundlagen legte in den 1980er-Jahren der britische Hersteller Courtaulds, der das Verfahren zur Serienreife entwickelte und die Faser später unter dem Markennamen TENCEL® vermarktete.
Die österreichische Lenzing AG startete 1990 mit einer Pilotanlage und nahm 1997 im Werk Heiligenkreuz die großtechnische Produktion auf. Später übernahm Lenzing die Courtaulds-Produktionsstätten und wurde damit zum weltweit größten Lyocell-Hersteller. Heute ist TENCEL™ das Qualitäts- und Nachhaltigkeitssiegel der Branche.
(Quelle: Lenzing AG, 2024)
Vom Faden zur Bettwäsche
Mit der fertigen Faser ist der Weg noch nicht zu Ende. Die Lyocell-Fasern werden zu Garn versponnen und zu Stoff verwoben. Bei Premium-Bettwäsche geschieht das mit besonders feinen Fäden und einer hohen, gleichmäßigen Fadendichte – zum Beispiel 400 TC.
Diese Fadendichte sorgt für die glatte, seidige Oberfläche und die luxuriöse Haptik, für die Lyocell bekannt ist. Genau an dieser Stelle entscheidet sich Qualität: Nur reines, sauber verarbeitetes Lyocell bringt die Eigenschaften der Faser voll zur Geltung. Deshalb setzen wir bei Natural Nights auf 100 % TENCEL™ Lyocell mit 400 TC – vom Herstellungsprozess bis zum fertigen Set konsequent zu Ende gedacht.
Fazit: Ein moderner Prozess mit nachhaltigem Kern
Die Herstellung von Lyocell ist ein Paradebeispiel dafür, wie moderne Technologie und ökologische Verantwortung zusammenpassen. Aus nachwachsendem Holz entsteht über ein ungiftiges Lösungsmittel und einen geschlossenen Kreislauf eine Faser, die sich hochwertig anfühlt und biologisch abbaubar ist.
Wer versteht, wie Lyocell hergestellt wird, versteht auch, warum es seinen Preis hat – und warum sich diese Investition lohnt. Es ist kein Massenprodukt aus dem Chemiebaukasten, sondern eine durchdachte Faser, deren Qualität schon im Herstellungsprozess beginnt.
Bei Natural Nights haben wir genau diese Qualitätsstufe zur Grundlage unserer gesamten Kollektion gemacht. Denn bewusster Schlaf beginnt bei der Faser, die deine Haut berührt.
Häufige Fragen
Aus was wird Lyocell hergestellt?
Lyocell wird aus dem Zellstoff von Holz gewonnen, überwiegend aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern. Bei TENCEL™ kommen vor allem Buche und Fichte aus Europa sowie Eukalyptus aus Plantagen zum Einsatz. Das Holz wird zu reinem Zellstoff verarbeitet, der anschließend zur Faser weiterverarbeitet wird.
Was ist NMMO und ist es giftig?
NMMO (N-Methylmorpholin-N-oxid) ist das organische Lösungsmittel, in dem der Zellstoff bei der Lyocell-Herstellung aufgelöst wird. Es ist ungiftig und biologisch abbaubar und löst die Cellulose auf physikalische Weise, ohne sie chemisch zu verändern. Im Closed-Loop-Verfahren wird es zu über 99,8 % zurückgewonnen.
Was bedeutet Closed-Loop-Verfahren?
Closed-Loop bedeutet, dass das eingesetzte Lösungsmittel in einem geschlossenen Kreislauf aufgefangen, gereinigt und wiederverwendet wird. Bei Lyocell werden so über 99,8 % des NMMO im Prozess gehalten. Das reduziert Abwasser und Emissionen drastisch und ist der Hauptgrund für die gute Ökobilanz der Faser.
Ist Lyocell dasselbe wie Viskose?
Nein. Beide entstehen aus Holzcellulose, aber das Verfahren unterscheidet sich grundlegend. Viskose wird chemisch umgewandelt, unter anderem mit Schwefelkohlenstoff. Lyocell nutzt ein einziges, ungiftiges Lösungsmittel im geschlossenen Kreislauf – ohne die problematischen Schwefelverbindungen.
Ist Lyocell ein Naturmaterial?
Lyocell ist eine Regeneratfaser: Der Rohstoff (Holz-Cellulose) ist natürlich, der Herstellungsprozess ist industriell. Man bezeichnet Lyocell deshalb oft als „grüne Chemiefaser“, weil es nachwachsende Rohstoffe mit moderner, umweltschonender Technologie verbindet.
Ist Lyocell wirklich nachhaltig?
Der Herstellungsprozess gilt als einer der nachhaltigsten der Textilindustrie: nachwachsender Rohstoff, ungiftiges Lösungsmittel, geschlossener Kreislauf mit über 99,8 % Rückgewinnung und biologische Abbaubarkeit. Ausgezeichnet wurde das Verfahren unter anderem mit dem European Award for the Environment. Entscheidend ist allerdings echte Qualität – etwa zertifiziertes TENCEL™.
Wissenschaftliche Quellen
- Lenzing AG, Sustainability Report 2023
- Lenzing AG (2024): TENCEL™ Lyocell – Herstellung und Closed-Loop-Verfahren
- Europäische Kommission: European Award for the Environment – Lenzing AG
- Higg MSI (Higg Materials Sustainability Index)


